Manchester By The Sea

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Bei den Golden Globes gewann Hauptdarsteller Casey Affleck in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller Drama“ und auch bei den Oscars gilt er als einer der ganz großen Favoriten. In dieser Kritik geht es um Manchester By The Sea.

 

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Originaltitel: Manchester By The Sea

Regie: Kenneth Lonergan

Drehbuch: Kenneth Lonergan

Produktion: Matt Damon, Chris Moore, Lauren Beck, Kimberly Steward und Kevin J. Walsh

Kamera: Jody Lee Lipes

Musik: Lesley Barber

 

HANDLUNG

Erzählt wird die Geschichte vom wortkargen Lee Chandler (Casey Affleck), der zurückgezogen als Hausmeister in Boston lebt. Er repariert sanitäre Anlagen, schaufelt Schnee und außer, dass er sich die Geschichten der Bewohner des Wohnblocks anhören muss, hat er so gut wie keinen Kontakt zu Menschen. Eines Tages erreicht ihm die Nachricht, dass sein Bruder Joe (Kyle Chandler) gestorben ist und somit reist er in seine alte Heimatstadt Manchester an der Ostküste der USA.

Der letzte Wille von Joe war es, dass Lee der Vormund von seinem Neffen Patrick (Lucas Hedges) sein soll. Er hat alles arrangiert, sogar Umzugskosten. Doch dieser fühlt sich überfordert mit der Aufgabe, sich um seinen Neffen zu kümmern und ein Begräbnis zu organisieren. Als er dann auch noch auf seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams) trifft, beginnen alte Wunden aus seinem früheren Leben wieder aufzureißen und Lee stellt sich die Frage, was er in seinem Leben noch alles erreichen will und wie er mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen kann.

DREHBUCH UND STORY

Kenneth Lonergan (Gangs of New York, Drehbuch) hat nicht nur Regie geführt, sondern auch das großartige Drehbuch geschrieben. Herausgekommen ist ein sehr nachdenklicher Film, realitätsnah und einfach nur grandios.

Zu Beginn erleben wir die Einführung der Figur Lee Chandler. Wie er seiner Arbeit nachgeht, Schnee schaufelt, mit den Bewohnern und Bewohnerinnen unfreiwillig Dialoge führt und täglich in eine Bar geht. Kinobesucher bekommen einen guten Einblick in die Figur und es ist vom Start weg klar, wie diese tickt und handelt. Ab dem Zeitpunkt wo der Bruder des Charakters stirbt, beginnt der Film interessanter zu werden. Er zeigt sehr eindrucksvoll wie schwer es ist, wenn du als Person plötzlich für etwas verantwortlich bist was du noch nie in deinem Leben getan hast. Der rote Faden ist klar strukturiert und wirkt dabei in manchen Situationen unvorhersehbar und Lee weiß sich nicht zu helfen. Wenn Lucas auf einmal erzählt, dass er eine zweite Freundin hat, erkennen wir die totale Überforderung der Hauptfigur Lee – er weiß schlicht und ergreifend nicht wie er sich verhalten soll und da muss ich ein großes Lob aussprechen an den Regisseur, der alle Szenen großartig inszeniert hat.

Der Film arbeitet viel mit Rückblenden in die Vergangenheit der Hauptfigur. Mit solchen Flashbacks ist es immer so eine Sache, manche Kinobesucher finden diese störend. In diesem Fall hat es sehr gut gepasst, da der Film damit mehr und mehr preisgibt warum der Charakter Lee so zurückgezogen lebt, warum er und seine Ex-Frau getrennte Wege gehen und auch wie die Beziehung zu seinem Bruder war. Natürlich muss man als Schauer etwas aufpassen, um der Story zu folgen. Aber Manchester By The Sea ist kein Action-Film wie Triple X sondern ein Drama, welche eine Geschichte erzählt, die dir und mir auch passieren hätte können. Ich fand diese Rückblenden sehr passend, sie waren perfekt erzählt und eingeführt in das Gesamte.

Die Dialoge waren auch richtig stark. Vor allem die Gespräche zwischen Lee und Patrick haben viel Spaß gemacht, da auch etwas Humor mit eingebaut wurde. Nicht zu aufgesetzt und zu viel, so dass von der Grundstimmung nichts verloren geht. Es gibt zwar keine sehr langen Dialogszenen, wo mit Weisheiten herumgeworfen wird oder lange Vorträge stattfinden. Der Regisseur hat mehr kürzere Sätze verwendet, angepasst an die wortkargte Hauptfigur. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Inszenierung ist nur viel zu lang ausgefallen, 15 Minuten weniger wären besser gewesen.

DER CAST

Ein grandioser Casey Affleck, aber jede Haupt- und Nebenrolle ist perfekt gecastet.

  • Casey Affleck (Triple 9) als Lee Chandler

Wortkarg, überfordert, nachdenklich, zurückgezogen – die Figur Lee Chandler ist kein einfacher Mensch und er tut sich schwer, Gespräche zu führen. Casey Affleck schafft es eindrucksvoll der Figur Glaubhaftigkeit zu vermitteln, ich glaube ihm seine Gefühle, seine Emotionen und dass er überfordert ist. Mit dieser Leistung springt Casey nicht nur aus dem Schatten seines viel berühmteren Bruders Ben, sondern er katapultiert sich auch in die Eliteliga der Hollywood-Schauspieler. Einen Golden Globe hat er bereits gewonnen und für mich ist er der große Favorit auf einen Oscar.

  • Lucas Hedges (Grand Budapest Hotel) als Patrick

Für mich die große Überraschung in diesem Film. Denn Lucas Hedges spielt den Neffen von Lee und das mehr als eindrucksvoll. Er kann locker mit Casey mithalten, die Beiden harmonieren perfekt miteinander und tragen so die gesamte Handlung des Filmes. Patrick ist ein Teenager, der auf seine Art versucht mit dem Verlust seines Vaters umzugehen. Er spielt in einer Band, Eishockey im örtlichen Team und er hat zwei Freundinnen. Mit Humor und Wortwitz ausgestattet bringt er Lee immer wieder in Bedrängnis. Toller Charakter, toller Schauspieler.

  • Michelle Williams (Die fantastische Welt von OZ) als Randi

Für mich wird diese Schauspielerin immer noch zu wenig beachtet. Ich hoffe das ändert sich mit ihrer Leistung in Manchester By The Sea. Sie hat eine Nebenrolle, zu der ich wenig sagen kann, weil sie für die eine oder andere Unvorhersehbarkeit sorgt. Aber sie schafft es großartig, ihre Gefühle glaubhaft rüber zu bringen. Egal ob du sie in Szenen als Frau von der Figur von Casey Affleck siehst oder in der Gegenwart. Sie hat nicht viele Szenen, aber diese machen großen Spaß.

  • Kyle Chandler (Bloodline) als Joe Chandler

Kyle hat auf Grund des Drehbuches nur wenig Szenen, da er gleich zu Beginn stirbt. Man sieht ihn nur in Rückblenden, dennoch macht er eine sehr gute Figur. Als Schauer bekommst du ein gutes Gefühl wie das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern und dem Sohn von Joe ist. Hätte vielleicht mehr ausgebaut werden können, aber ansonsten hat mir auch seine Leistung gefallen.

  • Weitere Charaktere

C.J. Wilson (Demolition) hat eine etwas größere Nebenrolle. Er verkörpert George, Freund der Familie Chandler und Besitzer einer Fischerei wo Joe auch sein Boot stationiert hat.

Weitere Nebenrollen konnten Gretchen Mol (Mozart in the Jungle) als Elise, die Mutter von Patrick, Heather Burns (Der perfekte Ex) als Jill und, da habe ich selber sehr gestaunt, Matthew Broderick (Dating Queen) als Patricks Stiefvater ergattern. Ihn habe ich schon lange nimmer in einem Kinofilm gesehen, er hat aber nur eine Szene.

TECHNIK, KAMERA, SOUNDTRACK

Gleich vorweg, Effekte gibt es keine. Wer bei einem Drama auch solche erwartet, der ist definitiv im falschen Film. Wie üblich in so einem Drama ist die Kameraarbeit sehr ruhig, die Dialoge werden von nah und halb-nah eingefangen und sind sehr hochwertig.

Die Kulissen haben mir auch gut gefallen. Die Stadt Manchester an der Ostküste der USA wirkt sehr idyllisch und ein passender Ort für diesen Film. Es gibt tolle Szenen am Meer, dem Boot, in diversen Häusern und Wohnungen. Ab und zu zoomt die Kamera hinaus und zeigt die Gegend von der Vogelperspektive. An dieser Stelle gibt es keine negativen Erlebnisse.

Die kanadische Komponistin Lesely Barber hat einen ruhigen und nachdenklichen Sound erschaffen. Zwischendurch setzt die Musik aus, um die Atmosphäre zu erhöhen und um einfach die Leere und Nachdenklichkeit der Personen einzufangen. Das ist ihr geglückt – Pluspunkte.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Overall
9
Drama
9
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