Forscher entdecken neuen Supervulkan

Uturuncu

Satellitenbilder belegen eine dramatische Entwicklung in den Anden: Dort hat sich der Berg Uturuncu auf einer Fläche aufgebläht, die zehnmal so groß ist wie der Bodensee. Forscher vermuten, dass dort ein gigantischer Supervulkan entstanden ist. Im Untergrund strömen große Mengen Magma nach oben.

Der Blick von oben auf die Einöde im Süden Boliviens verrät nichts von den unheimlichen Ereignissen im Untergrund der Anden. Schroff, kahl und leblos wirkt das Gebirge, dessen Gipfel dort sechs Kilometer aufragen. Radarsatelliten jedoch erkennen, was dem Auge verborgen bleibt: Bei ihrem Überflug schicken sie elektromagnetische Strahlung los, die am Boden reflektiert wird. Und über dem Uturuncu-Massiv im Süden Boliviens haben sich die Signale zum Erstaunen der Forscher dramatisch verändert.

Die Radarwellen wurden in letzter Zeit immer eher reflektiert – ihre Strecke vom Himmel zur Erde hat sich also verkürzt. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Das Dach des Hochgebirges hebt sich auf einer Fläche zehnmal so groß wie der Bodensee, schreiben Forscher um Jennifer Jay von der Cornell University in Ithaca, USA, in einer Studie, die in Kürze im Fachmagazin „Bulletin of Volcanology“ erscheinen wird. Die Experten haben Messungen über Bodenbewegungen zusammengetragen.

Es scheint sich zu bestätigen, was manche Forscher bereits gemutmaßt hatten: Der Uturuncu könnte ein Supervulkan sein, meint etwa Shan de Silva von der Oregon State University in den USA, der den Vulkan erforscht. Der Berg sei ein schlafender Gigant. Dass sich Vulkangebiete heben, ist zwar nichts Besonderes. Die Größe der anschwellenden, nahezu kreisrunden Beule des Uturuncu jedoch verblüfft die Forscher.

Berstendes Gestein

Als Supervulkane gelten Feuerberge, wenn sie mit einem Mal mehr als tausendmal so viel Material ausspucken können wie der Mount St. Helens 1980 in den USA bei einer der größten Eruptionen des 20. Jahrhunderts. Asche- und Säurewolken von Supervulkanen lassen die Welt über Jahre dramatisch abkühlen; Hungerkatastrophen drohen. Und im Umkreis von Hunderten Kilometern um den Vulkan gäbe es totale Zerstörung.

Den Uturuncu-Vulkan hatte noch vor kurzem niemand auf der Rechnung, er schien erloschen. Das Alter seines Lavagesteins verrät, dass sein letzter Ausbruch fast 300.000 Jahre zurückliegt. Doch nun regt sich der Riese, er scheint erwacht.

Der Uturuncu hebe sich mit einem bis zwei Zentimetern pro Jahr, berichten Jennifer Jay und ihre Kollegen. Und täglich schüttelten leichte Beben den Berg, im Jahr sind es mehr als tausend. Das Zittern künde vermutlich von aufsteigendem Magma, das sich durch den felsigen Untergrund zwänge und Gestein bersten lasse.

Wie ein riesiger Ballon

Die Daten ließen darauf schließen, dass jede Sekunde ein Kubikmeter Magma – also etwa zehn Badewannenfüllungen – in ein Reservoir etwa 15 bis 20 Kilometer unter dem Vulkan aufstiegen, erklärt der Geoforscher Noah Finnegan von der University of California in Santa Cruz, USA. In der Tiefe sammeln sich offenbar große Mengen Magma: Erdbebenwellen verlangsamen sich dort im Boden – ein deutliches Zeichen, dass das Gestein dort teilweise flüssig ist. Wie ein riesiger Ballon schwelle die Magmablase, meinen die Wissenschaftler; der Druck steigt.

Die Andenregion zwischen Bolivien, Chile und Argentinien ist bekannt für vulkanischen Gigantismus: Dort haben Geologen diverse Ablagerungen früherer Mega-Ausbrüche gefunden. Supervulkane sind auf den ersten Blick schwer zu erkennen – kein Bergkegel verrät sie. Ihre gigantischen Eruptionen sprengen alles weg: Der Boden explodiert, nur ein Krater mit der Fläche einer Metropole bleibt zurück.

In der Nähe des Uturuncu klaffen sechs solcher Supervulkankrater – die meisten der sogenannten Calderen entstanden in der Zeit vor zehn bis einer Million Jahren. Seither gab es offenbar nur noch kleinere Ausbrüche. Braut sich nun die nächste Supereruption zusammen?

„Alles ist möglich“

„Was passieren wird, können wir nicht vorhersagen“, sagt Matthew Pritchard von der Cornell University. Unmittelbar drohe vermutlich keine Gefahr am Uturuncu. Auch andere Supervulkane wie die Phlegräischen Felder bei Neapel und der Yellowstone-Park in den USA sind in Bewegung, ohne dass es in letzter Zeit Ausbrüche gegeben hätte. Doch einen Unterschied gibt es: Bei den anderen Supervulkanen hebt sich nicht solch eine riesige Fläche wie am Uturuncu.

Um die Bedrohung besser einschätzen zu können, müssten die Experten wissen, wie viel Magma bereits unter dem Vulkan schlummert. Seit wann also strömt Magma in den Boden? Ablagerungen ausgetrockneter Urzeitseen am Gipfel des Uturuncu verraten, ob sich das Dach des Vulkans schon früher bewegt hat: Liegen ihre Sedimente nicht waagerecht, hat sich das Gebirgsdach wahrscheinlich ausgebeult – und die Ablagerungen verschoben.

Doch das war offenbar nicht der Fall: Die Seeablagerungen früherer Zeiten liegen so horizontal wie heutige, haben Finnegan und seine Kollegen herausgefunden. „Bislang haben wir keine Hinweise dafür entdeckt, dass die Bewegung des Vulkans schon länger andauert“, berichtet Finnegan. Erdbebendaten und Radarkarten zeigten aber, dass sich der Vulkan wohl immerhin seit mindestens 20 Jahren hebe, sagt Finnegan.

Der Uturuncu ist demnach gerade erst aus seinem Jahrtausendschlaf erwacht. Für eine Supereruption müsse sich wohl weitaus mehr Magma anstauen, meint der Experte. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte jedoch sei „alles möglich“, ergänzt Pritchard. „Wir müssen lernen, die Signale des Vulkans besser zu verstehen.“ In den Weiten der Anden könnten sogar noch weitere unheimliche Überraschungen auf die Forscher warten, die Region ist kaum erforscht – es gibt dort mehr Vulkane als Vulkanologen.

 

Autor: Axel Bojanowski
Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,823405,00.html
Foto: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Uturuncu.jpg&filetimestamp=20061116173646

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